Eltern/(Wahl)Familie

Mit eigenen Gefühlen und Gedanken zum Thema Trans* umgehen

Wenn Sie hier gelandet sind, ist ihnen das Thema trans* wahrscheinlich nicht mehr völlig fremd. Vielleicht haben Sie sich schon ein wenig umgeschaut, das ein oder andere Buch, Internetartikel oder Erfahrungsberichte gelesen. Oftmals ist der erste Schritt, um ein besseres Verständnis zu entwickeln, mit einem offenem Herzen nach Quellen und Informationen zu suchen, die der Identitätssuche ihres Kindes wohlwollend gegenüberstehen.

Gleichzeitig ist es wichtig, Ihren eigenen Gefühlen und Gedanken, positiv wie negativ, Raum zu lassen. Egal welcher Art diese Gefühle und Gedanken sind. Viele Eltern, die diesem Thema völlig fremd sind, fühlen sich oft schrecklich allein gelassen, da auch Schulen und Kindergärten sowie medizinisches Fachpersonal nicht immer wohlwollend sind, wenn sie trans* und nicht-binären Kindern begegnen. Und was, wenn auch in der Familie viele Menschen nur äußerstes Unverständnis zeigen? Es ist wichtig nicht aufzugeben, denn es gibt mittlerweile viele Angebote und Hilfeleistungen, die Sie dabei unterstützen können, den Kopf über Wasser zu halten.

Jeder Prozess ist anders

Der eigene Umgang mit dem „neu“ entstehenden Selbstbild ihres Kindes kann schon mal holprig sein. Wichtig bleibt jedoch, das Kind als Expert*in für ihre*seine eigene Wahrnehmung ernstzunehmen. Oft halten Eltern an dem Bild und der Wahrnehmung die sie von ihrem Kind haben, vielleicht schon seit vor der Geburt, sehr stark fest und können nur schwer davon loslassen. Es kann enorm hilfreich sein, in Kontakt mit anderen Eltern von trans* und nicht-binären Kindern zu treten oder Erfahrungsberichte zu lesen, um sich ein Bild davon zu machen, wie ihr ganz persönlicher Prozess aussehen könnte.

»Wie konnte es sein, dass ich meine Tochter verlieren sollte? Dieser Gedanke machte mir sehr große Angst, ICH wollte meine TOCHTER nicht verlieren. Ich wollte diese unglückliche, zu tiefst depressive und aggressive Tochter nicht verlieren. ICH würde das nie aushalten können. So dachte ICH. Aber was dachte mein Kind?«
Erfahrungsbericht Mama Claudia

„Ich habe Angst, etwas falsch zu machen.“

In dem Moment wo Sie die unterstützende Position einnehmen, geht es in den meisten Fällen Berg auf. Auch, wenn sie nicht immer alles richtig machen. Ihr Kind spürt, wenn sie es ernst meinen. Machen sie sich nicht zu viele Vorwürfe, auch über Gedanken oder Vorfälle aus der Vergangenheit.

„Was, wenn das nur eine Phase ist?“

Es ist gut möglich, dass sie selbst Zweifel hegen, ob sie ihrem Kind die Entscheidung überlassen sollten, zu wissen was für es richtig ist. Auch im privaten und öffentlichen Umfeld wird ihnen diese Frage wahrscheinlich öfter begegnen als ihnen lieb ist. Aber es bleibt dabei: Auch wenn sie sich nach einigem Nachdenken immer noch nicht erklären können, woher ihr Kind „plötzlich“ zu wissen glaubt, dass es trans* oder nicht-binär ist – diese Entscheidungsprozesse haben oft einen langen inneren Vorlauf.

Versuchen sie zu verstehen, dass ihr Kind sich wahrscheinlich weitaus länger damit beschäftigt hat, als ihnen bewusst war. Nur in einer sicheren Umgebung kann sich ihr Kind ihnen gegenüber öffnen. Vertrauen sie ihrem Kind, wenn es sich entscheidet, sie mit einzubeziehen.

»Er möchte am liebsten alles ganz schnell, wobei das Verständnis
da ist, dass alles seine Zeit braucht. Er ist in dem letzten Jahr eine starke Persönlichkeit geworden. Die Unsicherheit, die Zurückhaltung, das Einigeln ist überwunden. Die schulischen Leistungen sind stabil, was uns eine Zuversicht für die Zukunft gibt.«
Erfahrungsbereicht von Eltern eines 16 jährigen Transjungen

Ein Beziehungsangebot

Versuchen Sie die Offenheit ihres Kindes mit dem Thema trans* ihnen gegenüber als ein wunderschönes Beziehungsangebot zu verstehen. Auch wenn Sie glauben, es könnte nur eine Laune oder eine Form der Rebellion sein. Es ist in jedem Fall eine sehr intime Selbsterkenntnis, die ihr Kind mit Ihnen zu teilen bereit ist.

Positive Gefühle wertschätzen lernen

»Mama, es ist mir egal was die anderen Kinder denken, ich trage das, was ich will.“ Ich akzeptierte das und bewunderte mein Kind für ihren großen Mut. Und das tue ich jeden Tag. Ich kann und möchte sie nicht vor etwas beschützen, was nichts weniger ist, als ihr eigenes Ich.«
Erfahrungsbericht Susanne K.

Auch wenn es vielleicht einige Zeit braucht, vielleicht sogar einige Jahre, sind natürlich auch positive Gedanken und Gefühle Teil eines jeden Prozesses. Denn wenn Sie ihr Kind akzeptieren, so wie es ist, nimmt dies, egal um welche Persönlichkeitsfacette es sich handelt, eigentlich immer ein gutes Ende. Gefühle der Freude darüber, dass es ihrem Kind jetzt viel bessergeht, es auf einmal viel selbstbewusster ist, Gefühle der Dankbarkeit, dass sich ihr Kind ihnen immer wieder mit sehr intimen und persönlichen Dingen anvertraut, sollten nicht vergessen werden. Nehmen sie auch diese Gefühle wahr und pflegen sie sie. Sie dürfen stolz sein auf ihr Kind, das sich mit Stärke und Mut der Welt zeigen will, genauso, wie es ist.

Wo kann ich Unterstützung finden?

Lesen und informieren sie sich. Sprechen sie mit geliebten Menschen, denen sie vertrauen und die nicht betroffen sind. Aber achten sie auch darauf, die Privatsphäre ihres Kindes zu schützen. Falls es nicht möglich ist mit Freund*innen zu sprechen, da dies zu einem Fremd-Outing führen würde, können Sie in Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen Anschluss finden.

Angebote für Eltern Bezugspersonen NRW